Wie gehe ich bei der Bewertung von Aktien vor?

10. December 2011 -   -  Stefan Mohr

In einem Kommentar zu meinem Artikel über den Feuerwehrfahrzeughersteller Rosenbauer International AG wurde gefragt, wie ich den inneren Wert der Rosenbauer-Aktie bestimmen würde.

Ich werde in diesem Artikel mal allgemein einige Gedanken äußern, wie ich bei der Bewertung einer Aktie vorgehen würde. Der hier vorgestellte Bewertungsansatz ist nur einer von vielen möglichen, den ich aber sehr oft anwende.

Generell ist es meiner Meinung nach keine schlechte Idee, keine starre Formel für die Aktienbewertung zu verwenden, sondern flexibel zu sein. Welcher Bewertungsansatz passt in einer bestimmten Situation für eine bestimmte Aktie am besten? Liefern verschiedene Ansätze ähnliche Bewertungsergebnisse? Wenn nicht warum?

meine Gedanken zur Bewertung von Aktien

In der Regel gehe ich bei der Bewertung einer Aktie in folgenden drei Schritten vor. Die Beschreibung dieser drei Schritte ist hier stark vereinfacht. Aber im Prinzip läuft es darauf hinaus

1. Welche Gewinne hat das Unternehmen in den letzten Jahren gemacht? Gibt es Einmaleffekte, die in Folgejahren eher nicht mehr auftreten werden? Sind die Gewinnmargen derzeit auf einem zeitweise außerordentlich hohem oder niedrigem Niveau? Gibt es buchhalterische Effekte, die die ausgewiesenen Gewinne nicht der wirtschaftlichen Realität entsprechen lassen? Werden die Bedingungen in den nächsten Jahren ähnliche sein, so dass die Ergebnisse der Vergangenheit überhaupt als Richtschnur für die Zukunft angesehen werden können?

2. Aus 1. erhalte ich dann die aktuelle Ertragskraft des Unternehmens. Also welche Gewinne würde das Unternehmen derzeit erwirtschaften, wenn die Rahmenbedingungen durchschnittlich wären, also weder außerordentlich gut noch außerordentlich schlecht.

3. Nun setze ich einen fairen Multiplikator, also ein faires KGV, für die derzeitige Ertragskraft des Unternehmens an. Bei Unternehmen ohne Finanzschulden, welche nicht an die Aktionäre ausgezahlte Gewinne zu einem durchschnittlichen Rendite reinvestieren können (sagen wir irgendwas im Bereich von knapp 10 bis 15%), setze ich in der Regel ein KGV von 14 oder 15 an. Kann ein Unternehmen Gewinne mit einer höheren Rendite reinvestieren, passe ich das faire KGV etwas nach oben an, im Extremfall vielleicht bis 20 oder 25.
Andersherum passe ich das faire KGV nach unten an, wenn das Unternehmen einbehaltene Gewinne mit schlechten Renditen investiert oder bedeutende Finanzschulden hat (ohne überschuldet zu sein).

und das wars schon? Ist eine Aktienbewertung so einfach?

Das ganze hört sich jetzt sehr einfach an. Mit so einer primitiven Pi-mal-Daumen Rechnung soll es also möglich sein, Unternehmen zu bewerten und damit überdurchschnittliche Renditen am Aktienmarkt zu erzielen? Ich denke ja. Schon Warren Buffett sagte mal: “Value Investing is simple, but not easy”. Sinngemäß etwa: Value Investing beruht auf einfachen Prinzipien, aber ist nicht einfach durchzuführen.

Denn die Durchführung ist bei weitem nicht einfach. Solche Fragen wie: “Sind die Gewinnmargen derzeit auf einem zeitweise außerordentlich hohem oder niedrigem Niveau?” sind extrem schwer zu beantworten. Ich selbst traue mir bei den allermeisten Unternehmen keine sinnvolle Bewertung zu. Aber das ist auch garnicht notwendig. Um überdurchschnittliche Erträge zu erzielen, reicht es aus, einige Unternehmen sinnvoll bewerten zu können und zu kaufen, wenn diese an der Börse für deutlich weniger gehandelt werden. Zu wissen, welche Unternehmen man sinnvoll bewerten kann und welche nicht, ist denke ich einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren. Man muss nicht alles wissen, aber man sollte einschätzen können, was man weiß und was man nicht weiß.

Fazit

Wer glaubt, nach dem Lesen dieses Artikels in der Lage sein, eine Aktie zu bewerten, den muss ich leider enttäuschen. Ich habe irgendwann mal überschlagen, dass ich mich mit dem Thema Aktienbewertung etwa 2.000 Stunden beschäftigt habe, bevor mich sicher genug fühlte, und meine ersten Investments tätigte. (Meine Zockversuche mit Hightechaktien um die Jahrtausendwende zähle ich mal nicht dazu).

Gute Investment-Bücher lesen, und vor allem verstehen. Geschäftsberichte lesen, versuchen diese Unternehmen einzuschätzen und zu bewerten und viel nachdenken, würde ich jedem empfehlen, der anfängt sich mit dem Thema Value Investing auseinanderzusetzen.

Und noch eine Empfehlung: Begeisterung ist der Schlüssel zum Erfolg. Wer sich nur des Geldes wegen mit dem Thema auseinandersetzt, hat schon verloren. Indexfonds wären an dieser Stelle das Mittel der Wahl. Seine Zeit sollte man dann lieber für Dinge aufwenden, die einen wirklich begeistern.

Hier gibt es noch ein paar Artikel, in meine Gedanken zur Bewertung einiger Aktien geäußert habe, vielleicht bringt das noch einige weitere Ideen:

A.S. Création Tapeten: jetzt günstig genug?
Aktienanalyse A.S. Création Tapeten
Renault – weniger wert als nichts?
Aktienanalyse Hawesko Holding
Bijou Brigitte – ein Unternehmen mit Wettbewerbsvorteil?
Aktienanalyse Hyrican

Letztendlich lässt dieser Artikel natürlich viele Fragen offen. Um dieses Thema umfassend zusammenzufassen, müsste man wohl viele tausend Seiten schreiben. Wenn also jemand weitere Fragen oder Anmerkungen hat, oder ich etwas schlecht erklärt habe: Bitte hinterlasst einen Kommentar! Ich schreibe gerne weitere Artikel zu diesem Thema.

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