übersteigertes Selbstvertrauen oder: wie viel wiegt ein Jumbo-Jet?

10. Juni 2012 -  ,  -  Stefan Mohr

Übersteigertes Selbstvertrauen bei der Aktienbewertung

Den heutigen Artikel möchte ich mal mit einer Frage beginnen. Erlaubt sind keine Hilfsmittel. Weder Wikipedia, noch Google, noch ein Lexikon. Die Frage lautet:

Wie groß ist das Leergewicht einer Boeing 747?

Gib eine obere und eine untere Grenze an, so dass du dir zu 90% sicher bist, dass die richtige Antwort innerhalb dieser Grenzen liegt.

Und, was ist deine Antwort? Die richtige Antwort findest du ganz unten im Artikel. Liegt das dort genannte Gewicht innerhalb deiner festgelegten Grenzen? Oder warst du dir zu sicher? Natürlich kann ich es dir nicht anlasten, wenn das richtige Gewicht nicht innerhalb der von dir genannten Grenzen liegt. Immerhin solltest du dir nur zu 90% sicher sein und vielleicht hast du einfach nur Pech gehabt.

Aber: wenn man einer großen Anzahl von Menschen diese Frage stellt und deutlich weniger als 90% richtig liegen, deutet das nicht darauf hin, dass die Menschen ihre Fähigkeiten überschätzen? Und genau das ist der Fall.

Das Beispiel stammt übrigens aus dem Buch Why Smart People Make Big Money Mistakes and How to Correct Them, welches ich generell sehr empfehlen kann.

Was hat ein Jumbo-Jet mit Geldanlage zu tun?

Ja, gut und schön könnte man meinen, viele Leute überschätzen vielleicht ihre Fähigkeit, das Leergewicht eines Jumbo-Jets zu schätzen, aber was hat das mit Geldanlage zu tun? Ich glaube viel mehr als man denkt…

Wandeln wir die Aufgabe mal etwas ab. Es wird jetzt viel viel schwerer! Weil es so schwer wird, dürft ihr Google, Wikipedia, Lexika und alles was ihr nur wollt verwenden. Ihr dürft Experten befragen, komplizierte Berechnungen anstellen, ihr könnt euch auch gerne mehrere Wochen Zeit nehmen. Die Frage lautet:

Wie viel ist eine Aktie der Münchener Rückversicherung wert?

Gib eine obere und eine untere Grenze an, so dass du dir zu 90% sicher bist, dass die richtige Antwort innerhalb dieser Grenzen liegt.

Und, wie ist die Antwort? Denke daran, dass die meisten Menschen dazu neigen, sich zu sicher zu sein.

nicht immer nur an den wahrscheinlichsten Fall denken

Zugegebenermaßen hat mich dieses Beispiel mit dem Jumbo-Jet sehr zum nachdenken angeregt. Das ist ja auch der Grund, warum ich diesen Artikel schreibe. Übrigens: ich weiß die Grenzen nicht mehr genau, die ich mir für den Jumbo-Jet überlegt hatte. Aber ich weiß noch, dass ich falsch lag ;)

Wie geht man meistens bei der Bewertung von Aktien vor? Man bewertet alle Fakten und überlegt sich dann, was diese Aktie höchstwahrscheinlich wert ist. Dann kauft man, wenn die Margin of Safety groß genug ist. Was ist groß genug? Die meisten nehmen hier 30%, manche vielleicht auch 50%.

Und genau dieser Weg ist bei genauerem Hinsehen eigentlich verdammt gefährlich. Denn wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Aktie deutlich weniger wert ist, als im wahrscheinlichsten Fall? Natürlich, das ist verdammt schwer zu bestimmen, aber wenn man sich immer nur um den wahrscheinlichsten Fall kümmert und eine Margin of Safety verlangt macht man sich nicht einmal Gedanken darüber, wie schlimm es kommen könnte!

Letztendlich hat dieses Buch meine gesamte Herangehensweise bei der Bewertung von Aktien etwas verändert. Ich habe mich bisher immer auf den wahrscheinlichsten Unternehmenswert konzentriert und eine Margin of Safety verlangt, für den Fall dass ich falsch liege. Letztendlich bin ich nun zu dem Schluss gekommen, dass folgende Vorgehensweise mir mehr zusagt: Ich überlege mir, wie viel ein Unternehmen mit 90%iger Sicherheit mindestens wert ist. Ich konzentriere mich also auf die untere Grenze aus dem Jumbo-Jet Beispiel. Die obere lasse ich gleich weg. Und diese Grenze sagt mir sehr gut, welche Risiken ich eingehe (vorrausgesetzt natürlich, meine Schätzung ist richtig). Mittlerweile ist diese untere Grenze für mich wesentlich relevanter, als der geschätzte wahrscheinlichste Fall.

Natürlich sollte man sich keine Illusionen machen. Es ist unmöglich, diese Grenze genau festzulegen, über der ein Unternehmenswert mit 90%iger Sicherheit liegt. Sagen wir einfach sehr sicher.

Aber zumindest über diese Grenze nachzudenken, also bei welchem Preis bist du dir sehr sicher, dass der Wert der Aktie darüber liegt, ist vor dem Kauf einer Aktie denke ich sehr empfehlenswert. Und es kommt nicht in erster Linie darauf an, diese Grenze präzise zu bestimmen. Es kommt vor allem darauf an, richtig einzuschätzen was man weiß und was man nicht weiß. Und denke immer daran: die meisten Menschen überschätzen, was sie wissen. Du und ich sind da keine Ausnahme.

Wie geht ihr bei der Aktienbewertung vor? Überlegt ihr euch, was eine Aktie auch unter ungünstigen Bedingungen mindestens wert ist? Konzentriert ihr euch auf den wahrscheinlichsten Fall? Oder überlegt ihr euch eine Spanne, innerhalb derer der Aktienwert wahrscheinlich liegt? Ich freue mich über eure Kommentare!

Antworten:
1.) Das Leergewicht einer Boeing 747-8l (neuste Variante) beträgt 214,5 Tonnen
2.) Ja glaubt ihr wirklich, ich weiß was die Münchener Rück wert ist? Spaßvögel ;) Aber bei den 90%-Grenzen würde ich auf 80 bis 250€ pro Aktie tippen.

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Kommentare [13]

  1. Robert Michel · 10. Juni 2012, 11:32 · #

    Wäre sogar richtig gelegen, beim Jumbo habe ich 60 bis 2000 Tonnen getippt.

    Gewöhnlich mache ich zwei Abschätzungen, eine für den Normalfall und eine Worst-Case Abschätzung. Das Problem ist das man in den Worst-Case so viele Dinge berücksichtigen kann, dass man nie dazukäme irgendwelche Aktien zu kaufen, wenn man sich nach ihm richtet. Sogar Net-Nets können Cash-Flow negativ werden. Man sollte dennoch derartige Überlegungen machen, meistens findet man Punkte deren Eintreffen sehr sicher ist, die man aber noch nicht im Normalscenario berücksichtigt hat.

  2. Ambros · 10. Juni 2012, 16:32 · #

    Ich habe 20t – 500t für den Jumbo geschätzt.

    Ich dachte erst Du beschreibst den “Ankering-Effekt”, durch die Zahl 747 ;-)

    Das Problem, welches ich beim Aktienwert-Schätzungen noch sehe, ist dass sich die Grundlagen der Schätzung immer verändern.

  3. Stefan Mohr · 10. Juni 2012, 16:57 · #

    @Robert:
    Letztendlich ist der Worst-Case Fall ja immer die Insolvenz innerhalb weniger Tage. 100% ausschließen kann man das nie, nichtmal bei Coca Cola.
    Ich denke mal, wenn man die Fälle, die einfach sehr unwahrscheinlich sind, unter den Tisch fallen lässt, aber zumindest Dinge, die mit vielleicht 10, 20% Wahrscheinlichkeit innerhalb der nächsten 10 Jahre passieren könnte mit bedenkt, fährt man schon relativ gut.

    @Ambros:
    Wäre eine interessante Frage, ob die Zahl 747 einen beeinflusst. Ich vermute fast ja…
    Zum Anchoring-Effekt stehen in dem genannten Buch tatsächlich auch einige verblüffende Untersuchungen.

    Welche Grundlagen verändern sich denn bei der Schätzung des Aktienwertes?

  4. Mario · 12. Juni 2012, 11:54 · #

    Ich habe 50t bis 1.000t geschätzt. Habe bewusst sehr weit nach oben gegriffen, um nicht in die 90% Falle zu tappen, auch wenn ich eigentlich wusste, dass das Gewicht viel niedriger sein muss.

    Momentan nähere ich mich den Aktien Werten auch von unten. Es ist schwer zu sagen, ob wir kurz vor einer weiteren schweren Wirtschaftskrise stehen und deshalb überlege ich z.B. zu welchem Kurs ich auf Basis der Gewinne während der letzten Krise, kaufen würde. Da die Börse noch nicht so skeptisch ist, kann man für diese Kurse aber in der Regel nicht kaufen (Euro Südländer ausgenommen). Alternativ schaue deshalb verstärkt nach Aktienanleihen und ähnlichen Instrumenten. Wenn doch keine Krise kommt, habe ich wengistens eine Verzinsung über Tagesgeld und wenn doch habe ich zu Kursen gekauft, die ich für attraktiv halte.

  5. Ulrich · 12. Juni 2012, 15:36 · #

    WIeviel ist eine Muenchener Rueck wert?

    Gute Frage. Letztlich kann man da nur an Erfahrungen knüpfen. Was für Erfahrungen habe ich in meinem Börsen-Leben gemacht; was waren Durchscnittsberwertungen, wie zuverlässig wurden Prognosen eingehalten, wie schwer waren frher Krisen.

    @Stefan Mohr: Du hast recht. Klar kann alles und jedes Insolvenz gehen. Nur muss man als Investor mit wahrscheinlichkeiten Rechnen. Würde man immer vom Worst-Case ausgehen käme man ja zu gar keiner Anlage mehr :)

    @Mario: Entweder sind sie nicht skeptisch oder es ist viel eingepreist. Wenn ich sehe wo eine Fiat Aktie rumeiert und dies trotz der starken Nachfrage in den USA ( Stichwort Chrysler)…

  6. — Mike · 12. Juni 2012, 18:37 · #

    Es wäre mal interessant, das Musterdepot zu aktualisieren. OPAP, Autohellas und Jumbo haben ja ganz schön hohe Buchverluste angehäuft…

  7. Stefan Mohr · 12. Juni 2012, 20:36 · #

    Mike:

    Ich schaue eigentlich nur ungerne auf die Kurse, wenn ich nicht vorhabe zu verkaufen oder nachzukaufen. Sonst macht man sich nur verrückt, wenn der Depotwert auf dem Papier sinkt ;)

    Aber stimmt schon, mein Depot ist derzeit etwas geschönt, ich werde mir die Woche mal die Zeit nehmen und das aktualisieren…

  8. — Martin · 12. Juni 2012, 21:56 · #

    Wo kann ich denn griechische Aktien mit so geringen Transaktionskosten kaufen, wie es im Musterportfolio dargestellt wird?

    Habe mir Folli Follie in Athen an der Börse gekauft und mein Broker nimmt schon 30€+variable Gebühren dafür.

    Ansonsten denke ich auch man sollte sich nicht verrückt machen. Dennoch ist ein Stop Loss unter Umständen eine Überlegung wert. Ich lasse allerdings auch die Verluste laufen, wenn sich an dem Fundamentaldaten nichts geändert hat.

    An sich spricht diese Selbstüberschätzung übrigens für ETFs und automatisches Rebalancing.

  9. Stefan Mohr · 13. Juni 2012, 06:54 · #

    Martin:
    Im Musterdepot berechne ich immer 0,2% mindestens 10€. Das ist tatsächlich für viele ausländlische Börse etwas wenig. Werde das mal ändern…

    Bei welchem Broker handelst du über die Börse Athen, comdirect?

  10. — Martin · 13. Juni 2012, 11:34 · #

    danke für die Rückmeldung. Ja, comdirect.

  11. — Lukas · 14. Juni 2012, 09:53 · #

    Noch kurz zum Musterdepot:

    Es wäre schön/hilfreich, wenn Du irgendwo auf der Seite das Datum der letzten Aktualisierung angeben könntest.

    Danke
    Lukas

  12. Stefan Mohr · 14. Juni 2012, 10:12 · #

    Lukas:
    Ist eine gute Idee! Werde das bei Gelegenheit mal machen, direkt unter der Überschrift ein

    letzte Aktualisierung: xx.yy.2012

    wäre ja sicher schon ausreichend.

  13. — Lukas · 14. Juni 2012, 11:21 · #

    Völlig ausreichend!

    Danke
    Lukas

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