3 verbreitete Mythen über Value Investing

6. Juni 2012 -  ,  -  Stefan Mohr

Drei Mythen über Value Investing

Was ist Value Investing? Wie muss man investieren um als Value Investor gelten zu dürfen? Jeder hat sicher so seine Vorstellung davon und eine absolut eindeutige Definition für einen Value Investor gibt es wohl nicht.

Grundsätzlich ist ein Value Investor jemand, der seine Investmententscheidungen aufgrund des Wertes, die ein Unternehmen aufgrund seiner Vermögenswerte oder aufgrund seiner Ertragskraft besitzt, fällt. Wie genau das zu erfolgen hat, ist unklar.

Ich möchte jetzt auch nicht weiter darauf eingehen, wer ein Value Investor ist und wer nicht. Aber ich möchte auf ein paar Eigenschaften eingehen, die Value Investoren gerne zugeschrieben werden, die aber meiner Meinung nach völlig aus der Luft gegriffen sind. Aber wir werden auch sehen, dass es durchaus einen Schuldigen gibt, der zwar nicht für die Verbreitung, doch aber für die Entstehung dieser Mythen verantwortlich ist.

Mythos 1: Value Investoren investieren nur in “gute” Unternehmen

Fangen wir mit dem ersten Mythos an: Value Investing bedeutet, in “gute” Unternehmen zu investieren. Was für ein Quatsch. Value Investing bedeutet, ein Unternehmen für weniger zu kaufen, als es wert ist. Natürlich ist ein gutes Unternehmen mehr wert als ein schlechtes. Und in der Regel teurer. Wer einfach nur gute Unternehmen kauft, wird mit Sicherheit keine überdurchschnittlichen Renditen erzielen. Wenn das so wäre, wäre das ein wenig einfach. Das wäre so, als ob man im Casino immer nur auf Rot setzen müsste, und damit reich werden würde.

Benjamin Graham sagte mal, dass jedes Unternehmen zu einem bestimmten Preis attraktiv wird (ich glaube es war in Security Analysis. Wer weiß die Textstelle?).

Ja, wirklich jedes Unternehmen. Klar werden jetzt einige ein paar Unternehmen nennen, die sie nie egal zu welchem Preis kaufen würden. Ich glaube bei Facebook trifft das für viele zu. Aber: sicher? Zu keinem Preis? Wenn dir jemand Facebook anbieten würde, also das ganze Unternehmen. Kaum jemand will mitbieten. Mindestgebot ist 1 Cent. Was bietest du? 1 Cent bestimmt oder? Vielleicht sogar 1€? Oder 1000€? Eben. Jedes Unternehmen wird ab einem bestimmten Preis attraktiv… wenn er nur niedrig genug ist.

Natürlich sind gute Unternehmen eine schöne Sache. Aber nur wenn man sie zu einem günstigen Preis kauft. Aber insolvente Unternehmen können genauso gute Investments sein, wenn der Preis nur niedrig genug ist.

Mythos 2: Value Investoren halten ihre Aktien extrem lange, am besten für immer

Ja wer sagt denn sowas? Richtig ist, dass Value Investoren ihre Aktien in der Regel schon etwas länger als nur Wochen oder Monate halten. Warum? Weil sie kaufen, wenn eine Aktie deutlich unter ihrem wahren Wert notiert und verkaufen, wenn sie darüber oder zumindest nicht mehr so stark darunter notiert. Und das passiert meist nicht in so kurzer Zeit.

Aber eine Aktie für Jahrzehnte halten oder gar für immer? Natürlich, niemand verbietet einem das. Und das kann auch durchaus profitabel sein. Aber in der Regel wird ein Value Investor seine Aktien verkaufen, wenn sie überbewertet sind. Zumindest wenn er alternative, bessere Anlagemöglichkeiten hat.

Ein bisschen spielt dieser Mythos mit dem ersten Mythos, den guten Unternehmen zusammen. Denn gute Unternehmen, die hohe Eigenkapitalrenditen verdienen und Geld zu hohen Renditen reinvestieren können, kann es sich durchaus lohnen, lange zu halten. Aber auch hier gibt es mal Phasen der Überbewertung, in denen es sich lohnen kann, in andere Investments umzuschichten.

Mythos 3: Value Investoren investieren nicht in Technologieaktien

Ich muss zugeben, in diesem Mythos steckt zumindest noch ein Körnchen Wahrheit. Value Investoren kaufen Aktien, die unterbewertet sind. Um das tun zu können, sind sie darauf angewiesen, eine Aktie zu bewerten. Je genauer eine Bewertung erfolgen kann, desto besser.

Eine Unternehmensbewertung ist meist dann am einfachsten, wenn die Zukunft nicht stark von der Vergangenheit abweichen wird. Prognostizierbarkeit ist also das Stichwort. Und die ist bei Technologieaktien oft weniger stark gegeben. Denn hier hängt der unternehmerische Erfolg sehr stark von zukünftigen Entwicklungen ab.

Aber generell gibt es kein Gebot, warum Value Investing nicht mit Technologieaktien vereinbar sein sollte. Wenn der Preis einer Aktie deutlich unter dem Minimalwert liegt, den man einem Unternehmen mit hoher Sicherheit zuschreiben kann, dann sollte man kaufen. Egal ob Technologie oder nicht.

Wer ist schuld an den Mythen?

Zumindest für den Ursprung der Mythen gibt es einen ganz klaren Schuldigen: Warren Buffett! Denn viele Value Investoren orientieren sich an Warren Buffett. Logisch, denn er ist wohl der erfolgreichste Value Investor. Und doch heißt es nicht, dass man kein Value Investor ist, wenn man nicht so investiert wie Warren Buffett.

Und eines sollte man auch beachten: das, was man gemeinhin unter Buffetts Investmentstil versteht, ist die Art, wie Warren Buffett heute investiert. Früher sah einiges deutlich anders aus. Ich empfehle mal die Buffett Partnership Letters zu lesen, um sich einen Einblick in Buffetts früheren Investmentstil zu verschaffen.

Die Art und Weise wie Buffett heute investiert, die hat sehr gute Gründe.

Buffett meidet Technologieaktien. Weil er sie nicht versteht. Das ist einer der besten Hinweise für Investoren. Meide, was du nicht verstehst. Wenn Buffett Technologieaktien nicht versteht, heißt das, dass alle anderen sie auch nicht verstehen können? Wohl kaum.
Übrigens hat auch Buffett mit IBM vor kurzem ein Investment im Technologiebereich getätigt. Nicht, weil er plötzlich kauft, was er nicht versteht. Sondern weil er IBM jetzt gut genug versteht. Manche Dinge dauern eben.

Buffett kauft außerdem mit Vorliebe gute Unternehmen, die er dann meist für immer hält. Warum tut Buffett das? Weil er mit dem schlimmsten Handycap leben muss, welches ein Investor nur haben kann. Er muss einfach sehr viel Geld investieren! Buffett kann nicht einfach mal einen großen Teil seiner Investments veräußern. Das würde Jahre dauern. Was also tun? Gute Unternehmen kaufen und diese für immer halten. Was hätte er auch davon, zu verkaufen? Er wüsste nur nicht, wohin mit dem Geld, er hat so schon viel zu viel, was er nicht sinnvoll investieren kann.

Wir sehen also: Buffett hat durchaus seine Gründe, warum er so investiert wie er das eben tut. Und doch kann man durchaus auch deutlich anders vorgehen und ist trotzdem Value Investor.

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Kommentare [3]

  1. Ulrich · 9. Juni 2012, 13:17 · #

    Schöne Liste.

    Value Investoren investieren nicht immer in gute Unternehemn. Jedoch in Unternehmen die besser sind als ihr Preis.

    Mit der Technologie ist es so eine Sache. Würde sagen zum Beispiel bei Buffets IBM Einstieg geht es ihm nicht um irgend einen neuen Mikroprozessor sondern eher um die Dienstleistungssparte. Diese is berechenbarer… Für Technologie braucht man dann doch eine menge Know How und Marktkenntniss um da langfristig gute Treffer landen zu können.

  2. Tim · 12. Juni 2012, 19:11 · #

    Hallo Stefan,

    gut und kritisch analysiert.

    Ich glaube, dass die Urform des Value Investings von Benjamin Graham längst durch Warren Buffett fortentwickelt wurde. Und nun Buffetts Strategie als die dominierende Value-Analgephilosophie anerkannt wird.

    Buffett ging zunächst strikt nach Grahams Regeln vor. Er kaufte Firmen nach dem Prinzip: Hauptsache billig. Doch ging diese Strategie nicht auf. So türmten sich beispielsweise die Verluste bei der Textilfirma Berkshire Hathaway immer höher. Ein billiger Kaufpreis ist nämlich keine Garantie für eine mittel- und langfristige gute Performance.

    Buffetts Partner Charlie Munger beeinflusste Buffett dahingend, mehr auf Qualität und die Perspektiven zu achten (etwa Coca-Cola) und nicht so sehr Schnäppchenjäger nach KBV- und KGV-Gesichtspunkten zu sein.

  3. — sebastian · 22. November 2012, 21:35 · #

    value investor ist nicht klar definiert. Jeder kann selber entscheiden, was er darunter versteht. Klar ist, dass value investoren nicht auf charts achten sondern Bilanzen und Geschäftsberichte lesen, um Erträge abzuschätzen. Kurzfristige Kursvorhersagen sind Selbsttäuschung.

    Technologie ist absolutes no-no für Unternehmensbewertungen. IBM ist kein disruptives Technologieunternehmen sondern ein Technologieverwalter, der unter seiner Marke als Vollsortimenter jede erdenkliche Technologienachfrage abdecken kann. You don’t get fired for buying IBM. It’s a brand.

    Ich frage mich, ob Buffetts Stil heute noch funktionieren würde. Die Zeiten haben sich gewandelt. Ich glaube an den beständigen Kern in diesen Prinzipien, aber die Chancen, die er nutzen konnte, werden sich uns in der Form nicht eröffnen. Seine Performance hat mit wachsender Größe stetig nachgelassen. Vielleicht funktioniert sein Stil nicht mehr. Amerikas goldene Zeiten sind vorbei, globale consumer brands sind fest etabliert und fair bewertet. Der nächste Buffett wird vermutlich nicht aus Amerika oder Europa, sondern eher China kommen. Was er macht ist seit 30 Jahren kein Geheimnis mehr und die Konkurrenz von private equity funds verhindert, dass er jemals wieder solche Schnäppchen wie früher aufgreifen kann. Trotzdem denke ich, dass für kleine Investoren genug Gelegenheiten übrig bleiben sollten, die sich für die großen einfach nicht lohnen. Auch von Krümeln kann man satt werden :-)

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