Warum ich bessere Investmententscheidungen treffe, seit ich den Kaufpreis meiner Aktien vergesse

21. Juli 2015 -   -  Stefan Mohr

Momentan lese ich ein kleines aber sehr interessantes Buch names Judgment in Managerial Decision Making. Unter anderem werden in diesem auch wichtige Fehler, die Menschen bei ihrer Entscheidungsfindung machen, diskutiert. Einer davon: der Ankereffekt.

Experimente haben gezeigt, dass unsere Entscheidungsfindung von offensichtlich völlig zusammenhanglos gesetzten “Ankern” massiv beeinflusst wird. In dem Buch wird ein Beispiel beschrieben, in dem Studienteilnehmer gebeten wurden, den Anteil der afrikanischen Staaten die in den Vereinten Nationen vertreten sind zu schätzen. Vor der Beantwortung mussten die Teilnehmer ein Glücksrad drehen und sollten die erhaltene Zahl als Startpunkt nehmen, schätzen ob die Prozentzahl der afrikanischen Staaten in der UN größer oder kleiner ist und ihre beste Schätzung abgeben. Obwohl jedem völlig klar sein dürfte, dass eine zufällig gezogene Zahl zur Lösung des Problems völlig irrelevant sein dürfte, hatte diese einen massiven Einfluss auf die Schätzungen. Die mittlere Schätzung derjenigen beispielsweise, welche 10 als Startpunkt erhielten, betrug 25%, wohingegen diejenigen die 65 als Startpunkt erhielten, im Mittel 45% schätzten.

Der Ankereffekt war mir nicht neu, ich hatte schon öfter davon gehört. Aber warum auch immer, fiel es mir in dem Moment wie Schuppen von den Augen: als Investor ist einer der möglicherweise stärksten Ankereffekte der Kaufpreis. Und im Großen und Ganzen ist der Kaufpreis für die Entscheidungsfindung ob man verkaufen, nachkaufen oder nichts tun sollte, irrelevant. Leider lässt man sich aber vom Kaufpreis trotzdem immer wieder stark beeinflussen.

Warum der Kaufpreis irrelevant ist

Natürlich ist der Kaufpreis nicht irrelevant. Wie viel man für eine Aktie zahlt, ist ein sehr wichtiger Faktor, wie profitabel das Investment potentiell werden könnte. Nachdem man eine Aktie gekauft hat, sollte der Kaufpreis für die Entscheidungsfindung allerdings keine Rolle mehr spielen.

Viel zu oft lässt man sich dazu verleiten, eine Aktie von der man nicht mehr überzeugt ist, nicht zu verkaufen, weil sie im Minus steht. Keine gute Idee, denn verloren ist verloren. Wie man den Verlust wieder aufholt, ob mit der ursprünglichen Aktie oder einem neuen Investment, sollte egal sein. An einer Idee festhalten die man nicht mehr für gut hält, nur weil man sich davor scheut Verluste zu realisieren, ist keine gute Idee.

Oder eine Aktie die man gekauft hat fällt. Oft hat man dann das Gefühl “verbilligen” zu müssen. Nachzukaufen wenn der Kurs fällt kann eine gute Idee sein. Aber der ursprüngliche Kaufpreis sollte dafür kein Kriterium sein. Jeder Kauf sollte wieder unabhängig bewertet werden, egal zu welchem Kurs man vorher gekauft hat.

Ob man eine Aktie kauft, hält oder verkauft sollte immer vom aktuellen Kurs und der Einschätzung des Wertes einer Aktie abhängen. Der ursprüngliche Kaufkurs sollte weitestgehend egal sein. Natürlich können steuerliche Gesichtspunkte eine Rolle spielen. Hat man zwei Aktien und will eine verkaufen, sollte man, wenn man beide Investments zum aktuellen Kurs für gleich attraktiv hält, immer dasjenige verkaufen, welches am meisten im Minus oder am wenigsten im Plus steht. So kann man Steuern zwar nicht vermeiden, aber zumindest nach hinten verschieben. Dafür spielt der Kaufpreis natürlich eine Rolle. Allerdings ist der positive Effekt der daraus entsteht meist nicht so stark, dass man dem übermäßig großes Gewicht beimessen sollte.

Schön und gut, jetzt könnte man sagen wenn man das weiß, dann bezieht man den Kaufpreis eben nicht mehr in seine Entscheidungsfindung ein. Leider ist es so einfach nicht, da keiner von uns ein völlig rational denkendes Wesen ist. Auch wider besseren Wissens wird man sich immer mehr oder weniger stark vom Kaufpreis bzw. wie sehr eine Position im Plus oder Minus steht beeinflussen lassen. Es sei denn… man kennt den Kaufpreis garnicht!

Kaufpreise vergessen: eine simple aber wirksame Methode

Auch ich habe immer wieder gemerkt, wie ich mich unterbewusst vom Kaufpreis beeinflussen lasse. Beispielsweise habe ich mal bei einem Unternehmen welches ich gekauft hatte, meine Meinung geändert und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich dieses nicht gut genug verstehe. Zu diesem Zeitpunkt stand die Position 5% im Minus. Logisch betrachtet hätte ich sofort verkaufen sollen. Aber der Anker in Form des Kaufpreises hat mich davon abgehalten und so hat es noch Monate gedauert, bis ich mich endlich zu einem Verkauf durchringen konnte. Kein Beispiel guter Entscheidungsfindung, wenn man wider besseren Wissens nicht handelt!

Nachdem mir so etwas mehrfach aufgefallen war, wollte ich dem aktiv entgegenwirken. Da es verdammt schwer ist sein Unterbewusstsein zu kontrollieren, habe ich nach Möglichkeiten gesucht, den Kaufpeis so schnell es geht zu vergessen.

Meine erste Idee, die ich auch gleich umgesetzt habe, war folgende: ich habe aus meiner Excel-Übersicht in der ich meine Depotpositionen aufliste, die Spalte mit dem Kaufpreis und der bisherigen Wertentwicklung einzelner Depotpositionen entfernt. Da ich mich eher selten bei meinem Broker einlogge, war dieser Schritt erstmal der effektivste, da dies die Stelle ist, an der ich am häufigsten mit dem Kaufpreis bzw. der aktuellen Wertentwicklung in Kontakt komme. Dieser Schritt mag klein und unbedeutend aussehen, ich bin jedoch überzeugt davon, dass er bei mir die Investmentergebnisse über die Jahre verbessern wird.

Bisher hat sich das Verfahren schon recht gut bewährt. Wenn ich mit meinem Partner über unsere Depotpositionen diskutiere, kann ich regelmäßig mit Nichtwissen glänzen, wenn es um Kaufpreise geht, obwohl ich mir Zahlen sonst eigentlich gut merken kann. Selbst davon welche unserer Positionen im Plus und welche im Minus steht, habe ich nur eine grobe Ahnung. Und ich versuche weiterhin aktiv, mich nicht dafür zu interessieren. Wenn es darum geht ob eine Position eher teuer oder billig ist und ob ich handeln sollte, schaue ich nicht auf dem Kaufpreis, sondern in meine Watchlist, in der statt Kaufpreisen Maximalpreise stehen, zu denen ich einzelne Aktien beginne interessant zu finden.

Wie geht ihr mit Kaufpreisen um? Lasst ihr euch leicht durch diese beeinflussen? Habt ihr Strategien entwickelt, wie ihr euch weniger davon beeinflussen lasst? Ich bin gespannt auf eure Meinungen!

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Kommentare [18]

  1. Martin · 21. Juli 2015, 22:52 · #

    Eine gängige Methode ist zu den Aktien Bewertungen wie EV/Ebit, KGV, KBV oder was auch immer einzublenden. Also nicht den Einstiegspreis, sondern die Einstiegsbewertung.

    Das verhindert auch manchmal den Fehler zu früh zu verkaufen. Z.B. wenn die Aktie 100% im Plus ist, aber auch der Gewinn gestiegen ist.

    Vergessen kann ich den Kaufpreis leider fast nie.

    Auch ein blöder Anker sind vergangene Preise im Chart. Wenn der Anstieg so steil war, dann kaufe ich nicht so gerne, als wenn der Chart vorher nur stagniert hatte oder gefallen war. Also nach einer verdreifachung in 3 Monaten z.B. Anker ich zu sehr auf die alten Preise. Da kann ich leider bisher nichts dagegen machen. Ich traue mich dann nicht eine große Position aufzubauen.

    Übrigens schön mal wieder was von Dir zu lesen :-)

  2. Mario · 22. Juli 2015, 11:43 · #

    Mich beeinflussen die Kaufpreise definitiv auch. Ich bemerke das zwar und versuche dagegen zu arbeiten, habe aber bisher noch keine methodischen Schritte ergriffen. Muss ich mir mal Gedanken zu machen! Deine Ansätze sind schon mal nicht schlecht, auch den Hinweis von Martin bzgl. Bewertung finde ich sehr interessant!

  3. — Alex der Clown · 23. Juli 2015, 11:30 · #

    Ich bin sicher nicht Ankerfrei was den KP betrifft.
    Versuche mich bei der Firmenanalyse eher auf die Marktkapitalisierung und die Gesamtgewinne (Also nicht EPS usw.) zu fokusieren…
    lenkt den Fokus nebenbei irgendwie auch etwas weg von Aktie und Börse hin zum Unternehmen.

    Also z.B. IBM kostet mom. 146 Mrd €
    hat 2014 einen Umsatz von 92 Mrd $ gemacht
    und dabei 12 Mrd. $ Gewinn ausgewisen.

  4. — Michael · 23. Juli 2015, 21:45 · #

    Ich habe allerdings kürzlich gelesen, dass Ben Graham durchaus eine Ankerstrategie verwendet haben soll. Er empfahl, Firmen die unter dem Liquidationswert notierten (2/3 vom Umlaufvermögen minus gesamtes Fremdkapital) zu kaufen und bei einem Kursanstieg von 50% oder 100% (je nach Bewertung) über dem Anschaffungswert zu verkaufen. Dadurch soll der hohen Volatilität dieser Aktien Rechnung getragen werden. Dieser Ansatz hat einen grossen Vorteil: Sie ist sehr einfach. M.E. wäre es allerdings besser, z.b. die Titel zu verkaufen, falls Sie über dem Netto-Umlaufvermögen ohne Abschlag notieren.
    Im übrigen könnte das ev. nur für diese Spezialstrategie Sinn machen.
    Die Originalquelle von Graham kenne ich dazu leider nicht.

  5. — Karsten · 29. Juli 2015, 15:44 · #

    Für mich ist der Ankereffekt irrelevant. Das hat aber mit dem Gesamtprozess zu tun:

    Zunächst interessieren mich ausschließlich LANGFRISTIG besonders sichere Aktien, die aus meiner Sicht den Markt schlagen werden. Der Vorteil: Aufgrund der Steuergesetzgebung in Deutschland (Kapitalertragsteuer = 26%) verliere ich beim Umschichten jedesmal so viel, dass ein langfristiges Investment, das de Markt um einige Prozentpunkte schlägt, unterm Strich am Ende mehr herauskommt. Das funktioniert natürlich nur, wenn man wie ich einen langfristigen Anlagehorizont antrebt (bei mir: Teile des Portfolios für 20 Jahre und dann gestaffelt bis hin zu “unendlich”).

    Was sind meine Kriterien?
    1. Wichtig ist mir eine “Diversifizierung innerhalb des Unternehmes”. Das erfüllen im wesentlichen Holdings – Berkshire zum Beispiel besteht aus über 80 Einzelunternehmen + vielen großen Aktienpaketen.
    2. ROE: Dann interessiert mich, dass ein Unternehmen einen ROE zwischen 12% und 24% hat. Das heißt, das im Unternehmen gebundene Kapital verzinst sich relativ hoch
    3. Langfristigkeit: Ein Unternehmen muss bereits langfristig bewiesen haben, dass es diese hohen ROEs erzielen kann. Weder sollte sich das Unternehmen in häufigen Umbruchsituationen befunden haben, noch sollten welche absehbar sein.
    4. Moat: Warum entwickelt sich dieses oder jenes Unternehmen besser als der Markt? Zum Beispiel bei Danaher: Das Unternehmen kauft angeschlagene Unternehmen zu einem günstigen Preis und hat bei mittlerweile über 400 Unternehmen bewiesen, dass es diese mit dem hausinternene Managementprogramm “Danaher Business System” wieder auf Trab bringen kann. Diese Unternehmenskultur können andere Unternehmen eben nicht so leicht kopieren.
    5. Langfristige Entwicklung des intrinsischen Werts. Die Berechnung erfolgt je nach Unternehmen nach unterschiedlichen Vorgaben – Wachstum des Buchwerts, two-column…
    6. Glaubwürdiges, “valueorientiertes” Management. Das ist eher ein Unterpunkt oder Ergebnis der anderen Punkte. Für mich ist es ein Moat/Burggraben, wenn das Management einer Holding sich selbst auf Graham and Dot beruft, eher still seine Arbeit vollzieht, als wenn jemand laut ist und mit viel TamTam durch die Medien geistert. Wichtig ist mir, dass die Unternehmen “inhabergeführt” sind, dass also die CEOs nicht in erster Linie als Angestellte agieren, sondern – so wie ich – auf eine langfristig gute Entwicklung des Unternehmens/Aktienkurses aus sind, da ihnen ein Großteil gehört.
    7. Versicherungen mit “kostenlosem” Float. Das ist nur ein Kann-Kriterium, dass ich an dieser Stelle nicht weiter erläutern möchte.
    8. Branchenauswahl: Technologie fällt raus, Luftfahrt, Zykliker. Mich interessieren Marken, Monopole/Oligopole, Hersteller von gefragten Grundstoffen, “langweilige” Unternehmen wie Smurfit Kappa, die von einem Megatrend profitieren (Verpackungshersteller wie Smurfit Kappa sind regionale Monopolisten. Wie die Post profitieren sie von Amazon und dem Online-Handel bzw. Logistikzunahme insgesamt)
    9. Verständnis und “Liebe”: Ich trinke gerne Coca Cola, ich esse gern Heinz-Ketchup, ich bewundere Berkshire Hathaway. Es bringt mir Spaß, einen winzigen Teil davon zu besitzen. Ich bewundere Thomas Gayner von Markel und mag seine bescheidene Art. Ich halte viel von Berentzen und von Maui-Sonnenbrillen. Ich habe viel über die Unternehmen gelesen, von denen ich Aktien halte. Wahrscheinlich habe ich mich mit jedem Unternehmen mindestens 50 Stunden beschäftigt, bevor ich es kaufe. Und wenn ich mir ein bisschen unsicher bin, ob ich es die nächsten 10 Jahre halten will, dann kaufe ich es eben nicht. Es gibt sooo viele Aktien und Unternehmen, da will ich nur diejenigen, die mich wirklich überzeugen, an deren Entwicklung ich glaube. Wenn jemand auf Luxusuhren steht oder auf schnelle Autos: Dann sollte er Richemont oder BMW kaufen.
    10. Der Emo-Test: Ich frage mich vor jedem Kauf, ob ich die Aktie auch halten würde, wenn die Gewinn aufgrund einer plötzlichen großen Wirtschaftskrise morgen komplett zusammenbrechen würden und der Aktienkurs in den Keller rauscht – einfach, weil alles auf einmal zusammen kommt und die Wirtschaft stillsteht wie im Jahr 2009. Die Antwort muss “Ja” lauten.

    Am Ende habe ich eine Liste mit vor allem Versicherungen, Holdings, die in Unternehmen der Realwirtschaft investieren (Aktienpakete / komplette Unternehmen) und Holdings, die Unternehmen übernehmen und die Fähigkeit besitzen, diese weiterzuentwickeln (Danaher, Aurelius) und langfristig wieder auf einen Wachstumspfad zu bringen. Es gibt auch Unternehmen, die langfrsitig erfolgreich waren, aber in sich nicht diversifiziert sind, keinen Float haben etc. Es kommt in jedem Einzefall auf etwas anderes an, meist aber auf eine Kombination. Fuchs Petrolub zum Beispiel ist ein fantastisches Unternehmen mit hohem ROE, “inhabergeführt”, ein Spezialist.

    Jetzt habe ich ganz schön ausgeholt.

    Der Punkt ist: Wenn man solche Unternehmen identifiziert, dann spielt der Kaufpreis eine untergeordnete Rolle. Selbst ein hochbewertetes Unternehmen wird sich langfristig gut entwickeln. Hier einmal ein Rechenbeispiel:

    Unternehmen A kostet 5.000 Euro und entwickelt sich mit 15% p.a. über 20 Jahre. Dann ist es nach 20 Jahren 80.000 Euro wert. Zahle ich 10.000 Euro für Unternehmen A am Anfang, so Ende ich nach 20 Jahren ebenfalls bei einer Verachtfachung, was 11,1% p.a. entspricht.

    Natürlich gucke ich am Anfang schon auch nach dem Preis. Wenn ich mir aber sicher bin, dass sich die Geschäfte eines Unternehmens langfristig auch nur etwas besser als der Markt entwickeln werden, dann sind auch KGVs von 22 oder gar 25 manchmal noch in Ordnung.

    Und da ich insgesamt an die Entwicklung der ausgesuchten Unternehmen glaube und bislang immer schon nach wenigen Jahren einigermaßen hohe latente Gewinne (=Steuern bei Verkauf) mit mir herumgeschleppt habe, kommt für mich ein Verkaufen nicht in Frage. Hat sich ein Wert verdopllet und ich verkaufe ihn und schichte in ein anderes Unternehmen um, so kostet mich das Umschichten nach Steuern, Spread, Depotgebühren schnell 15% und mehr. Die Frage lautet dann also schnell: Möchte ich lieber weiterhin 100% in Unternehmen A halten – oder stattdessen 85% in Unternehmen B. Da muss ich schon sehr von Unternehmen B überzeugt sein, um eine gut laufende Aktie dafür zu verkaufen!

    Anders wäre es sicherlich, es wird wirklich aberwitzig und ein Unternehmen wird mit dem 35fachen oder 60fachen bereinigten Gewinn bewertet und ich sehe gleichzeitig eine günstige Perle. Das ist aber so lange ich investiere noch nie vorgekommen.

    Fazit:
    Meiner Meinung nach ist die beste Versicherung gegen den Ankereffekt, sich immer nur Unternehmen ins Depot zu legen, die man:
    a. auch kaufen würde, wenn der Aktienmarkt morgen für 10 Jahre schließen würde, einfach, weil man an die Zukunft des Unternehmens felsenfest glaubt (aus meinem Gedächtnis nach Buffett; für mich müssen dazu möglichst viele der Punkte 1-8 erfüllt sein)
    b. das Unternehmen versteht und liebt. (Punkt 9 und 10)

    Wer das beherzigt, wird sich meines Erachtens nach nie durch Preisschwankungen kirre machen lassen. Ich sehe mehrmals in der Woche nach der Entwicklung meines Aktienportfolios. Wenn etwas steigt, freue ich mich – und wenn etwas fällt, dann ärgere ich mich höchstens ein ganz bisschen, weil ich nicht im Ausverkauf nachkaufen kann – aber ich gerate nicht in Versuchung, etwas zu verkaufen, WEIL sich der Preis nach oben oder unten bewegt.

    Wer hingegen mittelmäßige Unternehmen nur kauft, weil sie günstig sind, der wird immer mit seinen Emotionen kämpfen müssen, weil man die ganze Zeit nur hofft, dass der Aktienkurs steigt und befürchtet, dass es bei einer Wirtschaftskrise für das Unternehmen eng wird. Und es ist absehbar, dass bei einem 20+ Jahre Investment irgendwann einmal eine Wirtschaftskrise kommen wird und man dann panisch verkauft, weil man eigentlich nie langfristig an das Unternehmen geglaubt hat. So wird man immer automatisch genau dann verkaufen, wenn es dem Unternehmen schlecht geht. Da verliert man systematisch und es wäre mir auch emotional zu anstrengend.

  6. — Michael · 26. August 2015, 22:56 · #

    Die interessanteste Strategie finde ich nach wie vor, Firmen zu erwerben, die deutlich unter dem Liquidationswert notieren. Der Hauptgrund: Das ist ein klares Zeichen, dass eine Firma unterbewertet ist. Selbst KGV, KBV, KUV etc. haben nicht eine so hohe Aussagekraft. Leider gibt es nicht so viele Firmen, falls man mal China Firmen ausschliesst.

    Dazu kommt eine Reihe von Studien, die besagen, dass man mit dieser Strategie die höchste Renditen im Vergleich zu anderen Strategien erzielen kann.

  7. Dirk · 27. August 2015, 12:42 · #

    @Michael:

    Wäre mit dir bezüglich der Renditechancen d’accord. Zwei Anmerkungen jedoch:

    1. Wenn du von Liquiditätswert sprichst, beinhaltet das in der Regel die Bewertung des Zeitwertes von materiellen und immateriellen Vermögenswerten des Unternehmens. In der Regel ist diese Bewertung ungleich aufwendiger und setzt mehr Spezialwissen voraus, als beispielsweise eine Bewertung des Unternehmenssubstanzwertes auf Basis der Buchwerte.

    2. Die Rendite relativiert sich wieder etwas, da die Strategie schwierig mit einer Buy&Hold-Strategie kombinierbar ist. Der langfristige Investor hat zumindest nach Einführung des Kapital- und Quellensteuerrechts in Deutschland deutliche steuerliche Vorteile im Vergleich zu jemandem, der das Unternehmen nach einer Umstrukturierung wieder abstößt.

    Insgesamt haben mehrere unterschiedliche Investmentstrategien nebeneinander aber durchaus eine Daseinsberechtigung.

  8. — Michael · 27. August 2015, 23:20 · #

    Eine einfache Umsetzung von dieser Strategie ist folgende:

    Der Liquidationswert wird als approximativer Wert einfach aufgrund des Umlaufvermögens minus dem gesamten Fremdkapitals bestimmt. Das Anlagevermögen berücksichtigt man gar nicht, da dieses schwierig zu bewerten ist. Dazu kommt ein Abschlag bzw. Sicherheitsmarge von 33%.

    Die Marktkapitalisierung einer Firma sollte nun unter diesem Wert sein.

    Buy&Hold sollte eigentlich möglich sein. Denn solche Aktien würde ich erst dann verkaufen, falls Sie wieder über dem Liqu. wert (d.h. Umlaufvermögen minus Fremdkapital) notieren.

    Der grösste Nachteil dieser Strategie ist, dass ein Investor hohen Kursschwankungen ausgesetzt ist. Insbesondere da i.d.R. nur kleine Firmen so tief bewertet werden.

    In Deutschland kenne ich z.B. zurzeit nur Nanostart.(dazu noch China Firmen, von denen ich aber abrate, da man den Bilanzen nicht trauen kann).

  9. — Michael · 27. August 2015, 23:27 · #

    Wie ich gesehen habe hat Stefan dazu bereits einen Blog geschrieben:

    http://simple-value-investing.de/blog/net-current-asset-value-aktien-unter-liquidationswert-kaufen

  10. nobody_VI2020 · 20. September 2015, 23:02 · #

    Das mit dem Liquidationswert halte ich allein für sehr riskant. Genau wie der KBV. Eine Kennzahl allein sollte nie der Bewertung dienen.

    Kritik an am Liquidationswert:
    1. Auch Umlaufvermögen kann abgeschrieben werden. Zum Beispiel Halbprodukte, die nicht mehr zum aktuellen Produktportfolio gehören.

    2. Wenn die Firma Verluste macht, müssen die finanziert werden. Damit steigt das Fremdkapital an. Der Liquidationswert sinkt also.

    Theoretisch kann also der Wert stetig sinken. Das ist meiner Meinung nach nur interessant, wenn das Unternehmen Gewinne macht oder positiven Aussichten darauf hat.

  11. Tobias Freitag · 14. Dezember 2015, 12:42 · #

    Sehr interessanter Artikel, finde die Kursschwankungen aber sehr riskant. Hat jemand schon positive Erfahrungen gemacht?

    Frohes Fest!

    LG,
    Tobias Freitag

  12. — Nico · 11. Februar 2016, 18:43 · #

    OK, folgen wir dem Gedanken, vergessen wir unsere Kaufpreise.

    Ich habe eine Frage zum out-of-the-box-thinking von Value Investoren. Kontext: Der aktuell stattfindende globale Aktienausverkauf. Um ihn zu begründen werden viele potentielle Makroszenarien herumgereicht.

    Bisher habe ich nichts gefunden, was mich so richtig überzeugt hat. Heute ist das anders, nachdem ich einen Artikel auf Bloomberg gelesen habe (http://www.bloomberg.com/news/articles/2016-02-10/bass-says-china-s-banking-losses-may-top-400-of-subprime-crisis).

    Der Artikel besagt, dass in China eine Bankenkrise mit einem möglicherweise vierfachen Ausmaß der Subprime Crisis ausbrechen könnte, er begründet das mit einer unheimlichen Ausweitung der Bankbilanzen in China innerhalb eines relative kurzen Zeitraums um ein Vielfaches, während nun lediglich ein 10% Ausfall reichen würde, um für Verunsicherung zu sorgen. Der Mann hat die Suprime Krise damals erfolgreich getradet.

    Bisher habe ich überlegt, dass mittlerweile langsam Kaufpreise erreicht werden sollten. Jetzt denke ich anders. Das könnte ein riesiges Pulverfass sein. Riesiger als alles zuvor. Denn es gibt zusätzlich die Anbahnung eines Liquiditätsproblems von Banken, möglicherweise ein Wiederaufflammen der Eurokrise in Europa und außerdem eine potentielle Junkbondkrise, möglicherweise potentiert durch Swaps. All das kann sich dem beschriebenen Chinacrash anschließen.

    Nun ist die Frage: Buffett sagt, er guckt niemals auf Makro-szenarien. Aber er kann auch nicht einfach 100% in Cash gehen.

    Nachdem ich den Artikel gelesen habe, fiel es mir wie Schuppen aus den Augen. Man sollte möglichweise gegen alle Value Regeln spielen und mit einem leichten Hebel verschiedene Indizes mit viel Abwärtspotential shorten. Ich denke da an Short ETF von DowJones, S&P500, DAX und MDAX jeweils mit Hebel 3.

    Unten angekommen, hat man sein Kapital möglicherweise verdoppelt und umso mehr um es in Eigenkapital anzulegen.

    Doch auch wenn man das nicht macht und einfach nur durch die Bank verkauft, wird man nach Ausbruch dieser Krise mehr Kaufgelegenheiten sehen und möglicherweise auch durch die Bank weg die eigenen vormals gehaltenen Positionen für einen deutlichen Rabatt erhalten.

    Was denkt ihr über das Brechen der eigenen Regeln? Graham ist auch von seinen eigenen Prinzipien abgewichen, allerdings in anderer Hinsicht und dmait den Großteil seines Vermögens gemacht. Ganz abwegig ist es also nicht…

  13. Stefan Mohr · 12. Februar 2016, 07:16 · #

    Hi Nico,

    also grundsätzlich halte ich es für eine gute Idee, nicht an irgendwelchen Regeln festzuhalten sondern sich seine eigenen Gedanken zu machen.

    Bezüglich der Chinaproblematik würde ich aber zu bedenken geben: solche Zusammenhänge sind extrem komplex und Vorhersagen sehr schwierig. Wie sicher kannst du dir sein, dass das wirklich so kommt? Der verlinkte Artikel mag sich schlüssig anhören, trotzdem gab es schon viele schlüssig klingende Vorhersagen, die im Nachhinein so nicht eingetroffen sind. Das musst du für dich selbst entscheiden, wie sicher du dir bist, dass das so eintrifft. Ich für mich glaube, dass ich einfach keine Chance habe, solche Entwicklungen vernünftig vorherzusagen. Von daher bleibe ich einfach dabei, Aktien zu kaufen, wenn ich von deren Qualität überzeugt bin und diese für einen vernünftigen Preis bekomme (gemessen an den Erträgen, die die Unternehmen nach meiner Schätzung auf Sicht von einigen Jahrzehnten generieren werden, nicht gemessen an irgendwelchen kurzfristigen Vorhersagen).

  14. — Patently Absurd · 12. Februar 2016, 10:27 · #

    Nico:

    Wenn du makroökonomische Fragen stellst, um Investmententscheidungen zu treffen, solltest du dich mit Ken Fisher beschäftigen, z.B. hier:

    http://finance.yahoo.com/video/selloff-1997-correction-ken-fisher-194000852.html

    Ich halte Prognosen aufgrund makroökonomischer Erwägungen für sehr fraglich bzw. die halbwegs seriösen Aussagen sind meist auch entsprechend nebulös formuliert (siehe Ken Fisher). Market-Timing nichts mit Value-Investing zu tun.

    Buffett hat wiederholt gesagt, dass er Marktentwicklungen kurzfristig nicht prognostizieren kann.

  15. — Nico · 13. Februar 2016, 11:11 · #

    An euch beide- ja, ihr habt recht. Mittlerweile habe ich auch an mir gemerkt, dass ich einfach zu nervös geworden bin. Man sollte tatsächlich weniger Nachrichten lesen in solch einer Zeit. Die Nervosität der Märkte überträgt sich dadurch zu leicht.

    Stattdessen werde ich mal nach “Werten” Ausschau halten.

  16. — Patently Absurd · 14. Februar 2016, 12:27 · #

    Keine Finanznachrichten zu lesen, halte ich generell für eine gute Idee. Ich lese nur einmal pro Jahr die Gechäftsberichte der Unternehmen, in die ich investiere, das reicht völlig.

    Um die eigenen Emotionen unter Kontrolle zu halten, sehe ich mindestens drei Strategie, die sich in der Praxis bewährt haben.

    1.) Buy&Hold-Stragie: Einfach nicht mehr verkaufen, auch wenn es an der Börse bergab geht, eventuell kombiniert mit einem Investmentplan, in dem in festen Abständen weiter investiert wird. Der statische Ansatz befreit von Emotionen.

    2) Dividendenstrategie: nicht auf den Kurs achten, sondern sich über Dividendenzahlungen freuen. Der Zahlungsstrom (eventuell buchhalterisch erfasst) motiviert ungemein. Hier muss man allerdings aufpassen, dass die Dividenden nachhaltig sind und nicht nur verwendet werden, um Investoren bei Laune zu halten.

    3) Value Investing: Orientierung am Inneren Wert, niedrige Kurse erhöhen die Sicherheitsmarge zum inneren Wert und sind letztlich positiv für den Investor.

    Value Investing ist etwas aufwänder als 1) und 2) da die Berechnung des inneren Wertes mit Arbeit verbunden ist. Dafür ist der Ansatz vielseitig anwendbar.

  17. ahn · 23. Februar 2016, 11:50 · #

    Was mich noch interessiert: Wirst du weiterhin damit arbeiten, den Kaufpreis der Aktien zu vergessen oder wirst du wieder mit dem alten Muster fortfahren?

  18. Covacoro · 10. März 2016, 22:10 · #

    Ein zeitloser Artikel !

    Daher aufgenommen in meinen Wochenrückblick und verlinkt:
    http://www.covacoro.de/2016/03/10/3-1-5-der-andere-wochenr%C3%BCckblick-kw10-16/

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