Bewertung von Versicherungsgesellschaften - eine Kurzeinführung

20. Dezember 2011 -   -  Stefan Mohr

Versicherungsunternehmen unterscheiden sich sehr stark von Unternehmen in anderen Bereichen. Fast alle Unternehmen stellen ein Produkt her oder bieten eine Dienstleistung an. Sie haben Materialkosten, Personalkosten und ähnliche weitere Kosten, machen Umsätze indem sie ihr Produkt verkaufen oder ihre Dienstleistung anbieten und was übrig bleibt ist der Gewinn vor Zinsen und Steuern. Bei Versicherungsunternehmen sieht das alles etwas anders aus. Ich selbst habe mich lange nicht mit Versicherungsgesellschaften beschäftigt, weil ich mich in diesem Bereich überhaupt nicht auskannte. Beschäftigt man sich aber einmal mit dem Versicherungsgeschäft, ist es eigentlich nicht komplizierter als bei produzierenden Unternehmen oder Dienstleistern – nur anders.

Ich möchte an dieser Stelle mal eine kleine Einführung in das Versicherungsgeschäft und die Bewertung von Versicherungsgesellschaften geben. Wer sich damit bereits auskennt, für den wird dieser Artikel wohl kaum neues bieten. Wer sich aber noch nie mit Versicherungsgesellschaften beschäftigt hat, für den könnte dieser Artikel einige Grundkenntnisse vermitteln.

womit verdienen Versicherungen ihr Geld?

Versicherungen verdienen ihr Geld damit, dass sie Risiken auf sich nehmen. Der Kunde bezahlt dafür eine sogenannte Versicherungsprämie, die Versicherung zahlt, wenn der Versicherungsfall eintritt.

Das versicherungstechnische Ergebnis

Die erste Gewinnquelle der Versicherungen ist die direkte Differenz aus Einnahmen und Ausgaben. Sind die Prämien höher, als die Zahlungen für Schäden und Verwaltungsaufwendungen während der Versicherungslaufzeit, macht die Versicherung einen direkten Gewinn, das sogenannte versicherungstechnische Ergebnis. Hierfür gibt es einige wichtige Kennzahlen:

Die Schaden-Quote drückt das Verhältnis aus Zahlungen für Schäden und eingenommenen Prämien aus.

Schaden-Quote = Zahlungen für Schäden / Prämieneinnahmen

Die Kosten-Quote drückt das Verhältnis aus Verwaltungskosten für den Versicherungsbetrieb und eingenommenen Prämien aus.

Kosten-Quote = Verwaltungskosten / Prämieneinnahmen

Die Schaden-Kosten-Quote (engl. Combined Ratio), ist die Summe aus Schaden-Quote und Kosten-Quote.

Schaden-Kosten-Quote = (Zahlungen für Schäden + Verwaltungskosten) / Prämieneinnahmen

Liegt die Schaden-Kosten-Quote nun also unter 100%, so wird ein versicherungstechnischer Gewinn gemacht. Liegt sie über 100%, so fällt ein Verlust an.

das Kapitalanlageergebnis

Es gibt aber noch eine weitere Quelle von Gewinnen im Versicherungsgeschäft. Dadurch, dass die Prämien im Vorraus gezahlt werden, die Abwicklung von Versicherungsfällen aber in der Regel eine gewisse Zeit dauert, kann die Versicherung das Geld solange anlegen und von den Zinsen profitieren. Das Kapitalanlageergebnis stellt bei vielen Versicherungen eine wichtige Einnahmequelle dar, denn viele Versicherungen arbeiten mit Schaden-Kosten-Quoten nahe oder gar über 100%.

Eine sinnvolle Anlage der im Vorraus erhaltenen Prämien (auch Versicherungs-Float genannt) ist also für die Gewinne eines Versicherungsunternehmens ein entscheidender Faktor.

Fazit für die Bewertung

Bei der Bewertung eines Versicherungsunternehmens spielen nun also unter anderem folgende Fragen eine wichtige Rolle:

  • Wie viel Versicherungsgeschäft kann in Zukunft gezeichnet werden?
  • Welche Schaden-Kosten-Quote kann dabei im langfristigen Mittel erreicht werden?
  • Wie viel Geld sammelt sich durch die spätere Abwicklung der Versicherungsfälle an? (Versicherungs-Float)
  • mit welcher Rendite kann dieses Geld angelegt werden?

Es kann also durchaus vertretbar sein, relativ schlechte Schaden-Kosten-Quoten zu erreichen, wenn die Abwicklung der Versicherungsfälle in einem Bereich sehr lange dauert. Denn dann können recht hohe Kapitalanlageergebnisse erzielt werden. Auf der anderen Seite ist es aber auch nicht sinnvoll, möglichst viel Geschäft zu zeichnen, nur um mehr Versicherungs-Float zur Kapitalanlage zu haben, wenn die Schaden-Kosten-Quoten zu schlecht sind. Der richtige Mittelweg macht hier den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg aus.

Wie eine Versicherung ihre Kapitalanlageergebnisse erzielt, ist natürlich dabei eine wichtige Frage. Wird das Geld konservativ angelegt oder wird mit dem Geld gezockt? Es bringt wenig, wenn kurzfrisitig hohe Kapitalanlageergebnisse erzielt werden, aber dabei unverantwortliche Risiken eingegangen werden.

Dieser kurze Artikel wird wohl kaum ausreichen, um alle notwendigen Kenntnisse bei der Bewertung von Versicherungsgesellschaften zu vermitteln. Mein Tipp ist, es bei Interesse einfach mal zu versuchen. In der Praxis lernt es sich eben doch am besten. Die Geschäftsberichte von Münchener Rück und Allianz kann ich hierzu beispielsweise empfehlen. Ich weiß, sie sind nicht gerade dünn, aber man kann einiges daraus lernen.

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Kommentare [1]

  1. — Paul · 4. Juli 2012, 01:34 · #

    Die Versicherungsgesellschaften legen die Beiträge – nach Abzug von Verwaltungs- und Vertriebskosten – überwiegend in Staatsanleihen an,
    siehe: Das Zahlenwerk vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V.: „Die deutsche Lebensversicherung in Zahlen 2012“; Quelle: http://www.gdv.de/wp-content/uploads/2012/06/GDV_Lebensversicherung_in_Zahlen_2012.pdf.

    Staatsschulden werden niemals zurückgezahlt, weil sie ein zentrales Element sind, damit unser auf Schuldenausweitung basierendes Geldsystem funktioniert.

    Die garantierten Renditen und Auszahlungen der fälligen Lebensversicherungsverträge sind nur dann möglich, wenn ihnen genügend Verträge mit Einzahlungen gegenüberstehen; jedoch sinken die Neuabschlüsse von Verträgen und somit die laufenden Einnahmen. Eine wachsende Deckungslücke tut sich auf. Das System funktioniert nicht mehr so rund.

    Die Versicherungskonzerne haben vorbeugen lassen mit § 89 Versicherungsaufsichtsgesetz. (VAG  § 89 Zahlungsverbot; Herabsetzung von Leistungen; http://www.versicherungsgesetze.de/versicherungsaufsichtsgesetz/0089.htm).

    Hiernach wird es der Versicherungswirtschaft ermöglicht, Auszahlungen aus Lebensversicherungen zeitweise oder ganz zu stoppen, falls die Vermögenslage des betroffenen Unternehmens dies erfordert. Die Pflicht der Versicherungsnehmer, die Versicherungsbeiträge in der bisherigen Höhe weiterhin zu bezahlen, bleibt vom Auszahlungsstopp unberührt.

    Von der Münchner Rück AG würde ich nur ihre Studien zur Einschätzung von ökologischen Krisen nehmen; dise sind äußerst fundiert und empfehlenswert.

    Viele Grüße

    Paul

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