Der Investor und die Schwankungen an der Börse

16. Mai 2012 -   -  Stefan Mohr

Schwankungen am Aktienmarkt

Dem ein oder anderen kommt der Titel dieses Artikels sicher bekannt vor. Es ist der Titel des 8. Kapitals aus Intelligent Investieren von Benjamin Graham. In der englischen Originalausgabe The Intelligent Investor heißt das Kapitel The Investor and Market Fluctuations.

Warren Buffett empfielt Kapitel 8 und 20 dieses Buches besonders. Warum also nicht nochmal nachlesen, dachte ich mir? Schaden kann es sicher nichts. In diesem Artikel versuche ich nun mal die wichtigsten Erkenntnisse und einige eigene Gedanken zum Thema Marktschwankungen zusammenzufassen.

von Marktschwankungen profitieren

Die Preise von Aktien, selbst wenn es Standardwerte sind, unterliegen großen Schwankungen. Das war in der Vergangenheit so, und es wird auch in Zukunft nicht anders sein. Jeder Investor ist daran interessiert, davon zu profitieren: Billig kaufen und teuer verkaufen. Was sich einfach anhört, ist in der Praxis garnicht so einfach.

Laut Graham gibt es zwei Möglichkeiten, von Marktschwankungen zu profitieren. Durch timing und durch pricing (ich verwende mal die englischen Begriffe).

Mit timing ist das Bestreben gemeint, die Marktbewegung vorherzusagen. Kaufen, wenn man von steigenden Preisen ausgeht, verkaufen wenn man fallende vorhersieht.

Mit pricing dagegen ist gemeint, Aktien zu kaufen, wenn sie unter ihrem fairen Wert notieren, den sie aufgrund ihres repräsentierenden Unternehmensabteils besitzen, und zu verkaufen, wenn sie über diesen steigen. Oder zumindest sicherzustellen, dass man Aktien nicht zu überteuerten Preisen kauft.

Graham ist überzeugt, dass der Investor mit der Bewertung von Aktien (pricing) zufriedenstellende Resultate erzielen kann. Ebenso überzeugt ist er, dass der, der durch timing Marktschwankungen vorherzusagen versucht, als Spekulant und mit den finanziellen Ergebnissen eines Spekulanten enden wird.

Das steht laut Graham im Kontrast zur gängigen Meinung an der Wall Street, welche sowohl dem Spekulanten als auch dem langfristigen Investor die Beachtung von Marktvorhersagen nahelegt. Auch jahrzehnte später hat sich an dieser gängigen Meinung denke ich wenig geändert.

Es mag einige Leute geben, die kurz- und mittelfristige Marktschwankungen vorhersagen können, aber das sollte die absolute Ausnahme sein. Für die meisten ist es vermessen zu glauben, sie könnten durch Vorhersage von Marktschwankungen und entsprechendes Ein- und Aussteigen aus dem Aktienmarkt besser als der Markt abschneiden. Noch dazu nach Handelsgebühren.

Was aber ist nun besser, wenn man mit pricing, sprich der Bewertung, bestimmt, wann man kaufen und verkaufen soll? Ganz einfach: man ist dann in hohem Maße unabhängig von den schlecht vorhersagbaren Marktbewegungen. Wenn man eine Aktie für weniger kauft, als sie wert ist, oder zumindest für nicht mehr, wird man auf lange Sicht davon profitieren. Durch ausgeschüttete Dividenden und/oder dadurch, dass das Unternehmen mehr und mehr Vermögenswerte anhäuft. Sollte der Preis eines Unternehmens für lange Zeit unter seinem Wert bleiben, so wird einem die Wartezeit durch einen immer weiter steigenden Wert oder Dividenden versüßt. Wobei das natürlich nur auf Unternehmen zutrifft, die auch Gewinne erwirtschaften. Ein Unternehmen, welches nie Gewinne erwirtschaftet und auch bei einer Liquidation nichts einbringt, hat aus Sicht des Investors keinen Wert.

kann man Unternehmenswerte besser bestimmen als Marktschwankungen vorhersagen?

Nun höre ich schon folgenden Einwurf: Sicher ist es schwer, Marktschwankungen vorherzusagen. Aber es ist genauso schwer, Unternehmen zu bewerten! Dem muss ich entschieden wiedersprechen. Sicher gibt es Unternehmen, und das sind nicht wenige, die sich sehr schwer bewerten lassen. Aber es gibt auch eine Reihe von Unternehmen, deren Wert sich sehr leicht ungefähr schätzen lässt. Viele Unternehmen auf meiner gehören zu dieser Kategorie.

Wenn es so leicht ist, wie kann es dann überhaupt sein, dass solche Unternehmen manchmal unter ihrem Wert gehandelt werden? Eine interessante Frage. Fakt ist aber, dass so etwas regelmäßig vorkommt. Im Jahr 2008/09 oder auch 2002/03 hätte man viele Aktien bedenkenlos zu Schnäppchenpreisen einsammeln können. Und auch zu anderen Zeiten gibt es immer einige Unternehmen am Markt, deren Anteile viel zu billig verkauft werden. Ich glaube, der Hauptgrund dafür ist, dass sich viele Marktteilnehmer am timing versuchen und Marktschwankungen vorhersagen wollen. Und dadurch werden starke Marktschwankungen erst hervorgerufen bzw. verstärkt.

Die Parabel von Mr. Market

Nehmen wir an, man besitzt einen kleinen Anteil an einem Unternehmen. Einer deiner Geschäftspartner der ebenfalls Anteile an diesem Unternehmen besitzt, nennen wir ihn Mr. Market, ist sehr wankelmütig. Jeden Tag erzählt er dir, was er meint was dein Anteil wert sei. Entweder bietet er dir nun an, dir deinen Anteil abzukaufen, oder dir seinen Anteil zu verkaufen. Manchmal erscheint seine Einschätzung plausibel. Manchmal aber wird Mr. Market von übermäßigem Enthusiasmus oder übermäßiger Angst gepackt und der Wert den er vorschlägt, scheint fern jeder Logik.

Wird ein kluger Investor sich nun von den täglichen Einschätzungen von Mr. Market beeindrucken lassen? Nur wenn er mit ihm handeln will. Entweder also, wenn Mr. Market ihm einen übertrieben hohen Preis bietet, oder wenn er selbst für einen lächerlich niedrigen Preis verkaufen will. Den Rest der Zeit jedoch ist es klüger, die Einschätzung von Mr. Market nicht zu beachten und sich selbst eine Meinung zum Wert zum Wert des Unternehmensanteils zu bilden.

Schlusswort

Ich denke, die meisten Leser stimmen damit überein, dass man sich auf die Bewertung von Unternehmen konzentrieren sollte und nicht darauf, vorherzusagen, wie sich die Markteinschätzung ändert. Aber ich muss zugeben: so leicht ist es nicht, dabei zu bleiben, wenn die Kurse der eigenen Aktien immer weiter fallen. In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern starke Nerven!

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Kommentare [3]

  1. Till · 17. Mai 2012, 13:54 · #

    Ergänzend dazu:

    Timing für Value Investoren

    ;)

    Auch wenn die Überschrift eine andere Schlussfolgerung hervorruft, stimme ich mit dem Artikel hier vollkommen überein!

  2. Ulrich · 17. Mai 2012, 16:37 · #

    schöner Post.

    Die Bewertung von Unternehmen ist nicht immer einfach. Vorallem sollte man auch auf Wachstumschancen achten. Viele Value Investoren lassen dies ausser acht; Wachstum gehört aber, für mich, ganz klar zur Schätzung eines Unternehmenswerts.

  3. — bb · 7. Juli 2012, 15:58 · #

    schöner Post. Gefällt mir ebenfalls sehr.
    Mich würde noch interessieren, wie du die Grenze zwischen Value, Contrarian und Turnaround-Investor ziehst.

    Contrarian und insbesondere Turnaround Investoren sind ja imo sehr viel spekulativer.

    Während Value Investoren versuchen Aktien zu finden, die unter jedem vorstellbaren Szenario ihren Wert behalten, gehen Contrarian und Turnaraound investoren stärkere Risiken ein.

    Sie lassen sich auch von Funadmentalwertanalysen leiten, akzeptieren aber auch Szenarien, die in einem Totalverlust enden können. Solange die Erwartungsrendite stimmt. Von solchen nicht 100% sicheren Aktien gibt es natürlich sehr viel mehr.

    Was ist deine Meinung zu diesem Ansatz?
    Oder zu Valueinvestoren, die ihre Strategie mit Optionsscheinen und/oder Krediten durchziehen?

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