Sino AG - No-Brainer oder Value Trap?

2. Januar 2012 -   -  Stefan Mohr

Die Sino AG ist ein Online-Broker, der sich auf Heavy-Trader spezialisiert hat. Personen also, die an einem Tag mehr Orders ausführen, als ich in einem Jahr.

Sino ist ein absoluter Nischenanbieter. Die Kundenbasis beträgt schon seit Jahren relativ konstant um die 600 Kunden. 600 Kunden hört sich extrem wenig an, aber ein durchschnittliches Depotvolumen von 400.000€ und Nettoerlöse, also Ordergebühren, von über 14.000€ pro Kunde im Geschäftsjahr 2010 relativieren das Ganze etwas.

Die Marktkapitalisierung der Sino AG beträgt derzeit rund 9,5 Mio. €. Ein Betrag, der geradezu lächerlich ist, im Vergleich zu den Gewinnen der letzten Jahre.

Gewinn in Mio. €

2010 2009 2008 2007 2006 2005
0,63 2,32 2,88 2,86 2,71 2,46

Da Sino ein Unternehmen ist, welches nicht wächst, wurde entsprechend ein hoher Teil der Gewinne ausgeschüttet. 85% der Gewinne von 2005 bis 2010 sind als Dividende an die Aktionäre geflossen.

Schaut man sich die Gewinne von 2006 bis 2009 an, dann betragen diese mehr als ein Viertel der aktuellen Marktkapitalisierung von Sino. Ein KGV kleiner 4, bzw, eine Gewinnrendite von über 25%, das hört sich verdammt verlockend an.

Aber natürlich hat der niedrige Kurs seine Gründe: Die Provisionserträge von Sino sind im Jahr 2010 gesunken. Durch eine steigende Anzahl von Future Orders konnte zwar die Gesamtzahl der Orderausführungen sogar leicht gesteigert werden, aber in diesem Bereich liegen die Margen deutlich niedriger.

Die Frage ist jetzt also: Befindet sich Sino in einem zwischenzeitlichen Gewinntief und der Kurs ist deutlich zu niedrig, oder sind die Gewinne der Jahre 2005 bis 2009 dauerhaft nicht mehr erreichbar?

Folgende Gedanken halte ich bei der Beantwortung dieser Frage für wichtig:

  • Sino agiert in einem hart umkämpften Markt, in dem der Wettbewerb zum großen Teil über niedrige Preise ausgetragen wird
  • in diesem Markt hat sich Sino jedoch auf eine kleine sehr spezielle Zielgruppe spezialisiert. Ich denke die Preissensitivität dieser Zielgruppe ist nicht ganz so hoch, sondern eine herausragende Qualität spielt ebenso eine Rolle. Die Bereitstellung dieser kostet aber natürlich auch Geld
  • möglicherweise lohnt es sich für größere Broker nicht, auf die Bedürfnisse dieser relativ kleinen Zielgruppe einzugehen
  • welche Anforderungen hat ein “Heavy Trader” an einen Broker überhaupt? Für mich schwer zu beantworten…
  • Wie werden sich Kundenzahl, Tradezahlen pro Kunde und Provisionserträge pro Trade entwickeln? Letztere werden eher nicht steigen sondern im besten Fall konstant bleiben. Die Tradezahlen steigen in turbulenten Börsenzeiten kurzfristig. Man schaue sich nur mal die Anzahl der Trades im August 2011 an. Die Kundenzahl sollte steigen, wenn es an der Börse lange stark bergauf geht, wenn also Zustände wie zur Jahrtausendwende zurückkehren (Gott bewahre uns davor).

Fazit

Fazit ist heute leider: Ich kann die Situation nicht einschätzen. Ich weiß nicht wie sich die künftigen Gewinne von Sino entwickeln werden. Ich kann nichtmal eine grobe Schätzung abgeben. Könnte ich beispielsweise mit recht hoher Sicherheit sagen, dass die Gewinne von Sino zumindest nicht weiter sinken werden, und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit wieder steigen könnten, könnte man über einen Kauf eventuell nachdenken. Aber auch das kann ich nicht sagen. Mir ist einfach nicht klar, ob Sino einen dauerhaften Wettbewerbsvorteil in seiner Nische hat, oder ob Sino durch Konkurrenten stark unter Druck gesetzt wird.

Trotz allem bleibt Sino auf meiner Watchlist. Das Unternehmen hat ein einfaches Geschäftsmodell, was mir sehr zusagt. Ich bin gespannt, ob sich Sino in Zukunft behaupten kann oder nicht, und sich dann im Nachhinein als No-Brainer (= offensichtlich unterbewertete Aktie) oder Value Trap (= Aktie, die günstig erscheint, es aber nicht ist) erweisen wird.

Ich bin durchaus bereit, einen kleineren Teil meines Depots auch in sehr unsichere Gelegenheiten zu investieren. Hätte ich beispielsweise eine realistische Wahrscheinlichkeit eines Totalverlustes aber auch eine Chance auf riesige Gewinne, würde ich durchaus einen kleinen Prozentsatz meines Depots investieren. Aber nur, wenn der Erwartungswert eindeutig positiv ist. Unsicherheit ist für mich also durchaus in Ordnung (auch wenn ich sichere Investments bevorzuge). Aber ich muss einschätzen können, ob der Kurs auf einem Niveau liegt, welches die Chancen stark zu meinen Gunsten verschoben hat. Gerade das kann ich bei Sino nicht einschätzen.

Falls jemand die Fakten besser interpretieren kann als ich – immer her damit! Ich freue mich auf eine spannende Diskussion.

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Kommentare [9]

  1. — David · 2. Januar 2012, 13:24 · #

    Interessant ist vielleicht ein Blick auf die Insidertransaktionen. Der Finanzvorstand hat in 2011 durchweg Aktien gekauft um dann einen Teil zum noch tieferen Kurs wieder zu verkaufen. Dann hat er wieder gekauft? Nachvollziehbar?

    Ansonsten wäre aber positiv, dass es 2011 ingesamt wesentlich mehr Käufe von Insidern gab, als Verkäufe.

  2. memyselfandi007 · 3. Januar 2012, 00:00 · #

    hallo stefan,

    finde ich gut, dass du auch analysen postest die nicht zu Käufen führen.

    Bei sino scheint das Hauptproblem zu sein, dass die erträge ständig zurückgehen, die Aufwände aber weiter steigen.

    Problem ist auch, dass die Vorstände mehr verdienen als die Firme Gewinn macht. Da stimmt dann das “alignment“nicht mehr.

    Wenn dan die Vortändeinpaar Aktien kaufen,sagt das gar nichts.

    MMI

  3. — hajue · 3. Januar 2012, 22:43 · #

    MEiner Ansicht nach 600 Kunden, die jederzeit zu anderen Anbietern wechseln können. Hatte Anfang 2010 zum Kurs von ca. 7,50 Euro für ca. 1.000 Euro Aktien erworben. Kurz darauf verkaufte jemand von Sino Anteile des eigenen Unternehmens. Habe daraufhin auch ein wenig Einsatz verloren und verkauft. An diesem Punkt war ich schon verwundert; denn es scheint auf den ersten Blick, als ob da die Trader auf den niedrigeren Kurs ihres eigenen Unternehmens spekulieren. Wie auch immer: Klar kann der Kurs hier steigen. Als Spekulant empfehlenswert – als Value-Investor wäre das Risiko langfristig zu hoch.

    Ob ein wirklicher Vorteil bei Sino besteht kann ich nicht sagen, da ich die Trading-Plattform nicht kenne. Aber machen wir uns nichts vor -> kurzfristige Trades bieten eine 50/50 Chance. Ob ich bei “Billiganbietern” wie CMC-Markets (weil schon ab 500 Euro Kapitalisierung möglich) anders Trade als bei einem anderen Anbieter ist fraglich.

    Auf der Suche nach CFD-Anbietern, etc. werden einem mehrere andere Anbieter empfohlen. Von Sino hab ich lediglich dadurch erfahren, da ich aktiv nach Aktien aller Art gesucht habe. MArketingmäßig kann das Unternehmen bei obigen Gewinnen kaum effizient werben.

    400.000 Euro Durchschnitt x 600 Kunden = 240.000.000 Euro. Bei einer Bank zum Leitzins gebunkert allein schon der Jahresgewinn…

  4. Tim Wall Street · 4. Januar 2012, 01:31 · #

    Hallo Stefan, sehr gute Zusammenfassung!

    Ich glaube, dass solche Trading-Anbieter eine enorme Fluktuationsrate haben. Denn wer sich verzockt, der geht bzw. schließt das Depot. Insofern besteht die Kunst darin, ständig neue Kunden anwerben zu müssen. Ein mühseliges Geschäft, denke ich mal.

  5. Sir Mike · 6. Januar 2012, 10:36 · #

    Heute gab Sino Zahlen bekannt für Dezember: 45% weniger Orders, 1,5% weniger Kunden. Orderbuchumsätze Xetra minus 7%, bei Nebenwerten minus 60%.

    http://www.deraktionaer.de/newsticker/dgap-news—sino-ag—-high-end-brokerage—76-018-trades-im-dezember—-neues-release-des-sino-mx-pro-mit-the-grid-2-0-17587479.htm

  6. Investment-Analyse · 6. Januar 2012, 18:37 · #

    @Tim:
    Das mit der Fluktuationsrate stimmt auf alle Fälle. Ob es damit zusammenhängt, dass Leute gehen die sich verzocken, weiß ich nicht, aber auf alle Fälle gehen von den 600 Kunden Jahr für Jahr 50 oder 60 (genaue Zahlen hab ich jetzt nicht mehr im Kopf) und neue kommen dazu. Bietet ein Konkurrent also besseren Service oder gleichen Service zu besseren Preisen, wird es wohl schwer werden die Kundenzahl zu halten.

    @Mike:
    Das sieht ja nicht gut aus im Dezember. Aber ich denke, es wird auch mal wieder mehr werden, die Tradezahlen haben ja auch in der Vergangenheit recht stark geschwankt. Oder vielleicht tradet es sich auch nur nicht so gut mit fetter Weihnachtsgans im Bauch ;)
    Letztendlich kommt es auf die langfristige Entwicklung an, und ich habe keine Ahnung wie die aussehen wird.

  7. Sir Mike · 8. Januar 2012, 15:56 · #

    Mir fehtl so ein bisschen die Phantasie, mich in das Geschäftsmodell einer Heavy-Trader-Firma hineinzuversetzen. Ich würde hier eindeutig die comdirectbank bevorzugen, das Geschäftsverstehe ich deutlich besser (auch wenn die ebenfalls nichts gegen Day-Trader haben). Die Kundenbasis ist deutlich breiter und die Angebotspalette ebenso – die fundamentalen Daten habe ich mir nun nicht aktuell angesehen, aber im Vergleich zum direkten Konkurrenten DAB stehen die wohl ziemlich gut da. Und die ltzten Zahlen war auch recht ansehnlich, so dass eine genauere Analyse wohl lohnen könnte.

  8. — Bugwelle · 25. Januar 2012, 13:44 · #

    Sino ist auf keinen Fall ein Investment.

    Die aktuellen Entwicklungen in Sachen Börsenumsatzsteuer sprechen absolut gegen die Sino AG.
    Die Zunahme von Algotrading, die Verlagerung von Aktiengeschäften in Darkpools, die mittelfristigen Risiken einer steigenden Börsenbesteuerung und Gewinnbesteuerung der Kunden und nicht zuletzt der immer stärker werdende direkte Konkurrent ViTrade(ehemals E*Trade – jetzt Tochter von Flatex AG) sind alles Sargnägel für die Sino AG.
    Sino hatte über Jahre einen Wettbewerbsvorteil durch ein innovatives Handelstool und die besten Handelsmöglichkeiten am Markt.
    Durch die Finanzpower von B.Förtsch/Flatex hat der direkte Konkurrent ViTrade hier Sino den Rang abgelaufen.
    Die publizierte Kundenanzahl(bzw. Depotanzahl) würde ich sehr mit Vorsicht geniessen.

    Falls die Börsenumsatzsteuer wie in Uk kommt, ist Sino ggb. den Mitbewerbern extrem schlecht aufgestellt. (CFD usw. )
    Falls die Finanztransaktionssteuer kommt, dürfte das HeavyTrader-Business ebenfalls stark leiden.

    Die Vorstände und die fehlende Entwicklungsdynamik der letzten Jahre lassen nichts gutes erahnen für die kommenden schweren Zeiten.

  9. Investment-Analyse · 25. Januar 2012, 14:42 · #

    Bugwelle:

    vielen Dank für die Einschätzung! Es sieht tatsächlich eher so aus, als ob der starke Kursverfall bei Sino eher gerechtfertigt ist.

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